Der Sonntagsbraten kehrt zurück – und mit ihm eine vergessene Verbindlichkeit

Es gibt Gerichte, die mehr sind als das, was auf dem Teller liegt. Der Sonntagsbraten gehört dazu.

Lange schien er verschwunden. Zu schwer, zu traditionell, zu wenig kompatibel mit einer Gastronomie, die sich immer stärker über Tempo, Präzision und permanente Neuerfindung definiert hat. Und doch taucht er gerade wieder auf – leise, aber bestimmt. Auf Karten, die man ernst nimmt. In Restaurants, die sich nicht über Effekte definieren müssen. Der Feinschmecker stellte in seinem großen Gastro-Dossier Anfang 2026 ausdrücklich fest, dass der Sonntagsbraten in der deutschen Gastronomie sein Comeback feiert – neben flexibleren À-la-carte-Angeboten und fairen Preisen für junge Foodies einer der prägenden Trends der Saison.

Im Hamburger Restaurant Oechsle – Michelin-empfohlen, im Gründerzeit-Eckhaus im Rotherbaum-Quartier gelegen – ist dieser Gedanke programmatisch formuliert. Seit Februar 2026 serviert Gastgeber Christian Planko jeden Sonntag von mittags bis abends einen wechselnden Sonntagsbraten: klassisch inspiriert, modern interpretiert. Mal ein in Schmorsud getränkter Rinderschmorbraten mit wildem Brokkoli und Semmelknödeln, mal Zürcher Geschnetzeltes mit geschmorten Karotten und Kartoffelrösti. Der Sonntag ist hier kein zusätzlicher Service-Tag, sondern ein bewusster Anlass.

Das ist mehr als ein schöner Satz. Es ist eine Verschiebung.

Der Braten wird hier nicht einfach serviert – er strukturiert den Besuch. Er verlangt Zeit, Aufmerksamkeit, Gesellschaft. Und genau das macht ihn plötzlich wieder relevant. Stevan Paul hat es für die Pressemitteilung der Agentur Kaiserhappen, die das Oechsle begleitet, auf den Punkt gebracht: Wir essen unter der Woche nicht mehr viel Fleisch – deshalb ist es naheliegend, es sonntags auswärts zu zelebrieren. Der Sonntagsbraten wird damit zum bewussten Genussmoment, nicht zum alltäglichen Fleischkonsum.

Die NZZ Bellevue hat diese Entwicklung präzise beschrieben: Restaurants entdecken den Sonntagsbraten wieder, weil Gäste zunehmend nach Bedeutung suchen – nach Momenten, die sich vom Alltag unterscheiden. Der Braten funktioniert dabei wie ein Anker. Er gibt dem Besuch einen Rahmen, eine Dramaturgie. Man kommt nicht einfach vorbei. Man verabredet sich dazu. Der Artikel beschreibt, wie Restaurants von der Schweiz bis Deutschland den Braten neu inszenieren – vom klassischen Service am Tisch bis zum Bratenwagen, wie ihn der Basler Gasthof zum Goldenen Sternen, eines der ältesten Gasthäuser der Stadt, seit Anfang 2026 wieder auffährt. Das Besondere am Sonntagsbraten: Man kann ihn nicht à la minute zubereiten, er verlangt Vorbereitung – und wenn alles ausverkauft ist, hat der Gast das Nachsehen. Genau diese Endlichkeit macht ihn authentisch.

Was dabei auffällt: Der Ton hat sich verändert. Es geht nicht um Rückgriff, sondern um Haltung.

Ein Blick nach Großbritannien

Vielleicht hilft ein Blick nach Großbritannien, um zu verstehen, warum. Dort war der Sunday Roast nie weg. Er ist tief verankert, sozial wie kulinarisch. Vom Pub bis zur ambitionierten Küche gehört er zum festen Rhythmus der Woche – eine Tradition, die bis ins 15. Jahrhundert unter König Heinrich VII. zurückreicht. Roast Beef, Yorkshire Pudding, Gravy – das ist weniger ein Gericht als ein Ritual, das Familien und Freunde seit Jahrhunderten an einen Tisch bringt.

Und dieses Ritual wird gerade neu gelesen.

In London hat sich rund um den Sunday Roast eine eigene Ernsthaftigkeit entwickelt. Häuser wie St. John, der Harwood Arms – Londons einziger Michelin-Stern-Pub – oder jüngere Konzepte wie Ling Ling’s mit seiner chinesisch inspirierten Interpretation behandeln ihn nicht als folkloristische Pflicht, sondern als Bühne für Produktqualität und Handwerk. Selbst etablierte Grand Hotels wie das Dorchester oder das Rosewood setzen sonntags gezielt auf den Roast als kulinarisches Statement. Die Bandbreite reicht vom Nose-to-Tail-Ansatz über rare-breed Fleisch aus der Region bis hin zu ambitionierten vegetarischen Alternativen. National Geographic kürt inzwischen die besten Sunday Roasts des Landes – ein Zeichen dafür, wie ernst das Format genommen wird.

Genau das passiert gerade.

Zurück in Deutschland

Zurück in Deutschland wirkt der Braten deshalb plötzlich nicht mehr altmodisch, sondern fast radikal. In einer Zeit, in der vieles kleinteilig, fragmentiert und individualisiert ist, setzt er auf das Gegenteil: ein großes Stück, ein gemeinsamer Tisch, eine klare Entscheidung. Der Gastro-Trendradar 2026 bestätigt: Gäste suchen verstärkt nach besonderen Erlebnissen, nach echten Begegnungen und persönlichen Momenten – der Restaurantbesuch wird wieder zum sozialen Ereignis mit gestiegenen Ansprüchen an Ambiente und Geselligkeit. Auch Sharing-Formate und die Rückkehr zu regionalen Klassikern passen in dieses Bild. Der Sonntagsbraten ist kein Gegentrend, sondern die logische Konsequenz dieser Sehnsucht.

Auch im Oechsle wird dieser Gedanke weitergeführt. Der Braten ist dort bewusst als Format gedacht, nicht als Einzelposition. Mit Suppe vorweg, wechselndem Hauptgang und Dessert entsteht ein Rahmen, der über das Essen hinausgeht – ein Moment, den man bewusst mit anderen teilt. Das klingt zunächst selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Denn der Sonntagsbraten stellt Anforderungen – an Küche wie an Gäste. Er verzeiht keine Schwächen im Produkt. Er braucht Zeit in der Zubereitung. Und er entfaltet seine Wirkung erst, wenn man sich auf ihn einlässt. Kein schnelles Rein-und-raus, kein beiläufiges Essen zwischen zwei Terminen. Gleichzeitig passt er perfekt zum wachsenden Bewusstsein für Fleischqualität: Wer unter der Woche weniger Fleisch isst, kann am Sonntag bewusst auf Herkunft, artgerechte Haltung und handwerkliche Zubereitung setzen. Vielleicht liegt genau darin seine neue Stärke.

Slow Food und die Kultur des Langsamen

Parallel dazu lässt sich eine zweite Bewegung beobachten, die diesen Trend unterstützt. Die Slow-Food-Bewegung – 1986 von Carlo Petrini in Italien als Gegenbewegung zum globalisierten Fast Food gegründet, heute mit über 100.000 Mitgliedern in mehr als 160 Ländern aktiv – setzt sich seit jeher für bewusstes, regionales und handwerklich ehrliches Essen ein. Ihr Leitsatz: gut, sauber und fair. In jüngster Zeit rücken Schmorgerichte und lange Garzeiten erneut in den Fokus – nicht als bloße Technik, sondern als kulturelle Praxis. Kochen als bewusster, langsamer Prozess. Essen als sozialer Akt. Der Braten passt perfekt in dieses Bild: Bei niedrigen Temperaturen über Stunden gegart, entfalten die Aromen sich langsam, bleiben Nährstoffe erhalten – ein Gericht, das Geduld belohnt.

Er ist keine Innovation. Er ist eine Korrektur.

Eine Rückbesinnung auf etwas, das nie wirklich verschwunden war, aber lange keinen Platz mehr hatte in der Art, wie Gastronomie sich inszeniert hat. Jetzt kehrt er zurück – nicht laut, nicht flächendeckend, aber sichtbar genug, um eine Richtung anzudeuten. In der Schweiz und in Österreich, in Hamburger Stadtrestaurants und schwäbischen Landgasthöfen, in Londoner Pubs und Zürcher Brasserien.

Und vielleicht ist das der eigentliche Punkt. Der Sonntagsbraten bringt etwas zurück, das schwer zu inszenieren ist – aber sofort spürbar wird, wenn es da ist: Verbindlichkeit. Ein Tisch, an dem man bleibt.

Fotos: Götz Wrage für das Oechsle.

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